Stalker bei Analogkonsole.de und die Möglichkeit von Science Fantasy

Also jetzt Stalker das Spiel, nicht das soziale Phänomen. Norbert Matausch hat das Rollenspiel Stalker auf der Analogkonsole rezensiert. Ich hatte es auch schon in den Fingern, als ich zu meinem jetzigen Hellenismus-Setting recherchiert habe. Norbert geht sehr stark auf das Flow-System ein, das er sehr lobt und die Bedenken zum würfellosen Spiel. Ich muss sagen, ich habe auch ein wenig Bedenken, was das Spielsystem angeht, weil die Güte der Beschreibung sehr stark als Faktor einfließt für den Erfolg einer Handlung. Eigentlich finde ich Stalker aus anderen Gründen sehr interessant für das Rollenspielgenre, nämlich wegen seines Settings. Das Spiel basiert auf einem Science-Fiction Roman, zufälligerweise auf meinem Lieblingsroman aus der Science-Fiction. Ich glaube, es könnte auch für Rollenspielsettings interessant sein.

Das Buch um das es geht, ist Picknick am Wegesrand von den Gebrüdern Strugatzki, ein Science-Fiction-Roman. (Ich hätte da noch was zu verleihen, schreibt mich an.)

Die Handlung
Beschrieben wird eine uns ähnliche Erde, auf der jedoch viele Jahrzehnte zuvor der „Besuch“ stattfand: Seitdem gibt es sechs „Zonen“ auf der Welt, verlassene Tschernobyl’eske Bereiche, die die Natur zurückerobert hat und in denen teilweise funktionsfähige außerirdische Technologie zu finden ist. Diese wird von speziellen Stalkern geborgen und von der Zivilisation auf der ganzen Welt genutzt und gehandelt. Beliebt sind Gesundheitsringe, die das Leben verlängern, oder kleine Sticks, die als Batterien fungieren und Autos antreiben.

Das Problem ist, das Ganze hat auch eine dunkle Seite, die einige Schwache in der Gesellschaft tragen müssen. Die Zone und ihre Artefakte sind teilweise sehr gefährlich. Teilweise sind die Wirkungen Zone unsichtbar (z. B. Erbgutveränderungen mit der Zeit), teilweise setzen sie Naturgesetze außer Kraft, teilweise sind sie nicht einmal erklärbar. So gibt es Leute, die bei der Entstehung der Zonen in dem Gebiet waren und später weggezogen sind. Da hat sich dann gezeigt, dass sie Katastrophen und Unwetter anziehen. Gerade aber in den Zonen ist es sehr gefährlich: unsichtbare Gravitationsfallen zerquetschen Mensch und Tier, Teufelsgrütze löst bei Berührung Knochen auf usw.

Deshalb sind die Zonen unter der Verwaltung der UN militärisch abgeriegelt und Forschungsinstitute sind an ihnen angeschlossen. Es hat sich etabliert, dass am Rande der Zone lebende Menschen als Stalker in die Zonen eindringen, um Artefakte zu bergen – mit Auftrag durch Behörden oder illegal für den Schwarzmarkt. Es sind Profis und Glücksritter – meistens aber arme Wichte, die nicht umziehen dürfen und irgendwie ihre Familien ernähren müssen. Die Gefahren, die Wirkungen und Ursachen, den „Besuch“, versteht man auch nach Jahrzehnten der Forschung kaum. Die Wissenschaft ist fast dazu verdammt, die Objekte bloß zu katalogisieren und ist fast zur Verwaltung ihrer degradiert. Eine Erklärung für den „Besuch“ hat sie ebenfalls noch nicht. Es gibt mehrere Theorien: ein misslungener Kommunikationsversuch von Außerirdischen, ein Experiment oder einfach nur ein Unfall, bei dem die Erde als Mülldeponie genutzt wurde.

Das Schöne ist, selbst mit dieser Beschreibung des Settings ist noch nichts gespoilert. Die Geschichte selbst, die in diesem Setting stattfindet zeigt das Leben eines sehr professionellen Stalkers, Roderic „Red“ Schucharts und wie er sich auf die Suche nach einem besonderen Artefakt macht, das unter den Stalkern eine Legende ist.

Man hätte daraus eine Heldengeschichte machen können, aber Picknick am Wegesrand ist eine Gesellschaftskritik. Red ist ebenso Held, wie er kaputt ist und nur das eine ermöglicht das andere. In einem Märchen wäre er strahlender Held auf einer Queste, hier ist es fast erschreckend, dass der professionelle Stalker es schließlich nötig hat mit aller Gewalt seinem Leben Sinn zu verleihen und voller Verzweiflung auf die Queste zu gehen. Das Romantische wird als Psychologisches entlarvt.

Die Zone als Dungeon
Inspirierend finde ich, dass die Strugatzkis nur eine Annahme machen und dann wie in einem Experiment alle anderen Variablen unverändert lassen: Die Annahme ist, es gibt diese Zonen (sogar eng begrenzt!) mit seltsamen Objekten und großen, wunderbaren und gefährlichen Wirkungen. Das klingt für mich auch für ein Setting reizvoll, weil es ist leicht zu verstehen ist. Ich könnte mir vorstellen, dass es dadurch  für neue Spieler die Hürde niedrig ansetzt, sich im Setting zurechtzufinden.

Picknick am Wegesrand zeigt ganz eindrucksvoll, wie unsere Hoffnungen und Wünsche uns antreiben. Dass der Held eine Schablone ist, der der Mensch nicht gerecht werden kann. Gut ich gestehe, dass man sowas nicht unbedingt spielen will. Wenn man schon ein Spiel spielt, dann doch bitte einen Helden mit großen Ambitionen. Am interessantesten finde ich schließlich die Ideen, die Picknick am Wegesrand für Fantasy-Settings und die Gesellschaften in ihnen vorgibt:

Das Äquivalent der Zone ist der Dungeon.

Das wäre z. B. eine für Rollenspiele sinnvolle Annahme. Strugatzki bietet eine Möglichkeit, eine Welt mit Dungeons zu gestalten, auch andere haben sich bereits solche Gedanken gemacht. Wie würde eine Welt aussehen, in der es die Möglichkeit gibt, wiederbelebt zu werden, sein Leben zu verlängern, jeden Wunsch erfüllt zu bekommen? Wie entwickelt sich die Gesellschaft mit der Möglichkeit, solche Urhoffnungen der Menschheit zu erfüllen? Wie regelt sie den Zugang zu ihnen? Wer profitiert davon? Wie werden diese Möglichkeiten verschachert und verwendet, um denen, die nichts haben, Hoffnung zu machen und sie zu lenken? Das sind einige fiesen Fragen, die Picknick am Wegesrand stellt und beantwortet.

Es sind auch Fragen für ein düsteres Fantasy-Setting, in dem die Fantasy nur darin besteht, dass es Magie gibt, nicht aber darin, dass die Menschen, die Herrschaftsstrukturen und Herrscher in wahrhaft edle und moralisch verkomme unterteilt werden können.

Ich gestehe, ich habe selbst nicht Lust so düstere, weil realistische Settings zu spielen, aber die Antworten, die Picknick am Wegesrand gibt, könnte man nutzen, einfach weil sie zu logisch sind. Es gibt Dungeons mit magischen Artefakten? Die werden zu Sperrgebieten. Man braucht Leute die da reingehen? Kriegsgefangene und Schuldsklaven. Das Ganze wird nach Jahrzehnten immer noch nicht begriffen, dann wird es halt als Ärgernis am Hof verschwiegen und tabuisiert. (Ist aber mehr die Stanislaw Lem-Antwort in Solaris, einem ähnlichen Roman!)

Diese Antworten sind eine erste Möglichkeit, eine solche Welt zu schaffen und sich darin zu orientieren dann geht es weiter. Ähnlich bin ich von einem hellenistischen Setting ausgegangen, das historisch beginnt, sich aber beliebig entwickeln kann. Wirkt Magie nur in den Dungeons (bei mir: ja). Wie viele Dungeons gibt es? Wie viele sind öffentlich bekannt? Kann jeder diese entdecken, ist also der Zugang zu ihnen schon etwas, das den natürlichen Gesetzen widerspricht?
Weiter geht’s mit den Selbstbeschreibungen der Welt: Ist es eine Prüfung der Götter? Eine Warnung? Steht die Apokalypse bevor? Sind es alte Götter, die sich erheben? usw. usf.
Aus all dem ließen sich in einem weiteren Schritt Kulte und Organisationen bilden, die eigene Interessen haben z. B. Dungeons zu finden, zu versperren, unsterblich zu werden, ihre verstorbenen Lieben zu finden oder nur unglaublich reich oder mächtig zu werden. Wie sieht es politisch aus? Für mich z. B.: Spionieren Geheimagenten der Ptolemäer nach den Dungeons der Seleukiden? Suchen Diadochen nach würdigen Stalkern, die ihnen ihre Wünsche erfüllen sollen und des Hochverrats angeklagt werden, wenn sie es nicht schaffen? Kommt der Diadoche gar selbst mit eigenem Gefolge in den Dungeon mit, um sich dort von einer Krankheit zu heilen? Sind die Charaktere vielleicht sogar Soldaten einer Dungeon-Garnison, die nun zur Leibwache abgestellt wurde? Gibt es gar geheime Dungeons, deren Zugänge nicht in der Hand der großen Mächte sind? Bilden Magier vielleicht eine Art von sehr effizienten Grabräubern, die in den Dungeons über besondere Fähigkeiten verfügen und sich zu einem Kartell verbunden haben und ihre besonderen Fähigkeiten teuer bezahlt haben wollen?

Zur Not kann man dieses Düstere versuchen, in eine satirische Richtung aufzuheben, in der die Gier und Schlechtigkeit der Menschen und der Herrschaft ihre Kompetenz bei weitem übersteigt. Leiber geht ja in eine ähnliche Richtung. Und Sword-&-Sorcery profitiert ja auch davon, die Gesellschaft auch schlecht darzustellen, so wirken schurkige Charaktere gleich viel sympathischer.

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Eine Antwort to “Stalker bei Analogkonsole.de und die Möglichkeit von Science Fantasy”

  1. Toller Beitrag! Über viele dieser Anknüpfungspunkte und Fragen, die Science Fiction erzeugen kann, haben wir beiden ja auch schon angestoßen vom Polyeder Podcast zum Thema gesprochen, aber hier ist es auch gerade in Verbindung mit Sword and Sorcery nochmal schön von dir thematisiert worden.

    Besonders beflügelt haben mich die Vorstellungen zur Geheimdiensttätigkeit der Diadochen!

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