Space Hulk: Tactics

Am 9. Oktober wurde Space Hulk: Tactics veröffentlicht.  Als Hardcore-Space-Hulk-Fan habe ich mir den Cousin von XCOM (zumindest spielmechanisch) sofort besorgt und beim Warten auf Multiplayer-Spiele viele Rezensionen durchgelesen. Dabei sind mir einige Missverständnisse aufgefallen.

Was ist Space Hulk?

Space Hulk ist die Games-Workshop-Version von Ridley Scott Aliens. Dort kämpften Colonial Marines mit ihren Sentry Guns gegen Aliens, die in den Luftschächten umherkrochen und oft bis zum letzten Moment nur auf den Motion Trackern sichtbar waren. Thematisch ist Space Hulk das Ganze dann auf Steroiden: In Space Hulks, Raumschiffwracks, die im Warp über tausende von Jahren zusammengewachsen sind, kämpfen genetisch hochgezüchtete Supermenschen in schwersten Exoskelett-Panzern – die Terminatoren – gegen vierarmige Superaliens – Genestealer –, jedes von ihnen überragt noch einmal die 2,5 Meter großen Übermenschen. Ihr Name rührt übrigens daher, dass sie ihre Gegner hypnotisieren können und ihnen über einen „Kuss“ ein Ei injizieren können, dass deren Gene verändert, so dass deren Nachkommen erst Alien-Hybriden werden und mit weiteren Generationen auch wieder Genestealer zeugen. So viel zum Fluff.

Die Superlative zeigen sich spielmechanisch ironischerweise darin, dass die Space Marines sich in einer Runde ohne Zusatzaktionspunkte nur einmal im Kreis drehen können (wobei sie dabei auch schießen können). Sie sind auch zu breit, um aneinander vorbeischießen zu können. Das Problem ist, dass sie nur mit Fernkampf ihren Gegnern etwas entgegensetzen können. Im Nahkampf fallen sie wie die Fliegen, die diamantharten Klauen der Aliens reißen durch die Rüstungen der Terminatoren als wären sie aus Papier. Und sie sind auch schneller und wendiger als die Terminatoren. Klingt alles sehr nachteilhaft, aber natürlich wäre alles noch viel schlimmer, wenn man normale Soldaten geschickt hätte … Das Ganze spielt sich dementsprechend wie asymmetrisches Schach für Jungs. Jeder Level ist ein Puzzle.

Verdeckte Ressourcen: Command Points und Blips

Zwei Mechanismen bei Space Hulk waren schon immer verdeckte Aktionspunkte (Command Points), die der Marine-Spieler bekam (er würfelte sie aus und ausgegebene wurden gezählt, vor der nächsten Runde wurde der verdeckte Wurf gezeigt und bewiesen, dass nicht mehr ausgegeben wurden), und die Blips, Scanner-Signale der Marines, die der Stealer-Spieler an Eingangsbereichen der Karte ins Spiel bringen konnte und die unterschiedlich viele Stealer darstellten, was auf der Rückseite dargestellt war. Der Marine-Spieler wusste nicht, wie viele Stealer ihn erwarten, bis der Blip in die Sichtlinie kommt, der Stealer-Spieler wusste nicht, mit wie vielen Aktionen die Marines reagieren können.

Unterschiedliche Editionen

Cyanide, die zuvor auch schon Brettspiel-Klassiker von Games Workshop als Videospiel herausgebracht haben („Blood Bowl“), haben sich mit „Space Hulk: Tactics“ sehr stark am Brettspiel orientiert, also dessen 3. bzw. 4. Version (die sehr, sehr nahe beieinander sind). Ich bin eigentlich kein Fan der Regeln dieser Editionen. Seit der zweiten Edition des Brettspiels, also seit 1996, wird versucht, Space Hulk zu vereinfachen. In der zweiten Edition wurde zum Beispiel auf Command Points verzichtet. Nebeneffekt ist dass die Terminatoren nicht mehr mit Aktionen in der Genestealer-Runde reagieren können – und so fällt eine ganze taktische Ebene weg. Das Problem ist: Space Hulk ist in der ersten Edition bereits ein sehr einfaches Spiel. Durch die Erweiterungen der ersten Edition kam lediglich etwas Regelmasse hinzu (mehr Waffen, mehr Zauber usw.). Auf ein solches zentrales Konzept zu verzichten, tat dem Spiel nicht gut. Außerdem ist das Spiel, das sich ursprünglich, 1989, als 3D-Rollenspiel beschrieb, eher cineastisch und wenig abstrakt, so dass Regelvereinfachungen die Suspension of Disbelief etwas stören (z. B. vereinfachte Sichtlinen anstatt die Faden-Methode).

Ähnliche Probleme hatte auch die dritte Edition, einige wurden mit der vierten Edition behoben (realistische statt vereinfachte Sichtlinen). Hier jedoch wurden die Regeln unterschiedlicher Schussmodi angeglichen. Zuvor waren Marines gut darin, in ihrer Runde Stealer zu töten und konnten aber auch in einen automatischen Schussmodus wechseln und in Genestealer-Runde auf Stealer schießen, sobald sie sich in ihrem Blickfeld zeigten. So konnten sie noch häufiger schießen, hatten aber eine geringere Chance ein Ziel mit wenigen Schüssen zu eliminieren. Dieser Unterschied wurde aufgehoben, mit der Konsequenz, dass das Spiel zu passiv wurde. Für den Genestealer lohnte es sich kaum noch, in die Sichtlinie eines Marines zu laufen, er starb zu schnell, Marines konnten Probleme bekommen, bereits wenige Stealer in ihrer eigenen Runde aufs Korn zu nehmen. Besser war es für alle, sich zu verschanzen.

Einen guten Überblick über alle Einflüsse zum Brettspiel gibts wie immer bei Board Game Geek.

Tactics mit Karten

Space Hulk: Tactics nimmt diese Regeln und vereinfacht sie weiter (Genestealer können sich z. B. drehen, wie sie wollen), passt sie den Anforderungen des Videospielens an. Reaktionen auf Stealer-Aktionen dauern zu lange und sind wieder gestrichen, so wie schon in der zweiten Edition des Brettspiels.
Es gibt auch zusätzlichen Content, etwas mehr Regel-Masse, mehr Terminatoren- (Apothecary, Plasma-Cannon-Terminatoren für alle Orden) und Genestealer-Typen (Bulwark, Miasmic und Reaperfex-Genestealer-Biomorphe).
Darüberhinaus schafft Cyanide mit Space Hulk: Tactics so etwas wie eine Formel für Space-Hulk-Missionen: Wo zuvor unterschiedliche Missionen aufzeigten, welche Terminatoren-Typen zum Einsatz kamen und wie viele Blips der Stealer pro Runde bekam, kämpfen bei Space Hulk: Tactics immer fünf Terminatoren, ein Squad (dringend empfohlen mit einem zaubernden Librarian). Jedes Spiel dauert maximal 20 Runden, die Marines müssen etwas schaffen, die Stealer sie vernichten, ein Patt kommt nicht zustande.
Und das Ganze funktioniert nicht nur. Ja, es wirkt sogar elegant. Das liegt an einem neuen Kartensystem. Jede Seite kann sich je nach Terminatoren oder Stealer-Varianten (Biomorphe) ein eigenes Deck von 20 Karten (hier die der Marines) zusammenstellen. Und sie ändern die gefühlte Pattsituation von Space Hulk 3/4E.

Jedes Spieler frischt am Anfang der Runde seine Hand auf drei Karten auf und bekommt pro Runde einen Karten-Punkt. Er kann beliebig viele Karten für Effekte ausspielen. Dazu gehören Kampfboni für den nächsten Kampf oder bis zum Tod (für Marines, besonders für Blood Angels), zusätzliche Kartenpunkte oder Zauberpunkte für jeden getöteten Stealer in der Runde (Spezialität der Dark Angels), der Stealerspieler kann auch neue Biomorphe ins Spiel bringen, die aus den Gängen klettern können und an anderen Stellen wieder in sie hineinklettern können, er kann Müllhaufen platzieren, die von der Decke fallen oder sorgen, dass ein Marine nur noch einen Würfel (statt zwei oder drei) würfelt. Zusätzlich können die Marines eine Karte pro Runde für verdeckte Gruppenaktionspunkte umwandeln und die Stealer eine Karte für Blips, die sie diese Runde ins Spiel bringen können.

Dadurch bringen die Karten wieder das hinein, was die Vereinfachungen der 3. und 4. Edition herausgenommen haben: Handlungsmöglichkeiten für beide Seiten. Bei einfachen und geglätteten Regeln. Der Preis ist etwas Abstraktion, es ist so etwa wie beim Vergleich alter Rollenspiele mit neuen Erzählspielen. Man spielt nicht mehr die Figur, sondern agiert auch für sie als verwaltende Schicksalsmacht. Es funktioniert jedoch super.

Um die Karten effizient zu spielen braucht man eine gute Mischung aus Karten, die (zu Blips) konvertiert werden können, und solchen die eingesetzt oder günstig losgeworden werden können, denn es kommen ja neue – und hoffentlich bessere. (Für die Genestealer hat sich bei mir bewährt: 2-mal Reaperfex (für Angriff und Durchbruch) und 2-mal Miasmic (für Verteidigung und Menge).

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Hier die sehr praktische isometrische Draufsicht.

Space Hulk als Videospiele

In den letzten Jahren sind mehreren Space-Hulk-Videospiele veröffentlicht worden. Space Hulk: Tactics hat eine wunderschöne Grafik, coole Sounds und Musik, Kameraeinstellungen im Spiel, man kann Marines und Stealer unterschiedlich herausputzen. Das Regelwerk ist solide und nah an dem Brettspiel, ohne ins Zweifelhafte abzugleiten. Es gibt sogar einen Map-Editior.
Videospielern kommt das Ganze jedoch etwas weird vor. Manche Kommentatoren beschweren sich darüber, dass man die Terminatoren nicht aufleveln kann (es sind nicht einzelne Charaktere, die immer gleich sind und Erfahrung sammeln, sondern Klassen von Terminatoren), und dass in Zeiten von Ego-Shootern es wohl nicht sein kann, dass nicht ein Terminator am anderen vorbeischießen könne, oder sich der vordere nicht ducken könne. Auch dass die Stealer nicht in die Schusslinien liefen, würde dazu führen, dass man sie kaum wegballern könne … Und so ist  von frühzeitigen Deinstallationen berichtet worden.
Aber das sind Missverständnisse. Space Hulk: Tactics krankt an anderen Stellen. Man kann PvE, also offline, spielen (in den Kampagnen erhält man immer mehr der besagten Karten, und hat aber kein Limit an Truppen – was vielleicht wieder zu abstrakt wirkt), und das sogar als Genestealer.
Die KI ist aber noch recht unausgereift – gerade wenn man als Stealer spielt. Denn Fakt ist, dass man als Marine einfach einen Plan haben muss, um zu gewinnen. (Als Stealer muss man Marines aufhalten.) Das kann die KI noch nicht umsetzen.
Das UI ist für Controller ausgelegt und nicht optimal. Doch da Fehler so extrem bestraft werden – gerade für den Space-Marine-Spieler kann ein Fehler schon den Durchbruch der Stealer in die Marine-Formation und damit das Ende der Mission bedeuten – gewöhnt man sich jedoch dran, man hat keine andere Wahl. Einiges soll angegangen werden (KI, Langsamkeit des Spiels durch Abspielen der Animationen, Multiplayer-Unterstützung).

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Stimmungsvoll, aber im Spiel nicht tauglich: Die Ego-Sicht.

 

Ähnliche Mechanismen – und doch kein XCOM

Space Hulk: Tactics macht eher Sinn, wenn man es als Variante des Brettspiels wertschätzt. (Und einiges kann auch gut im Brettspiel übernommen werden, so lassen sich die Biomorphe auch nachbauen.) Entsprechend werden auch die Würfelwürfe auf dem Bildschirm (und diversen Karten-Effekte wenn man über eine Figur hovert) angezeigt. Tactics bringt neue Komplexität in das Spiel  – auch wenn dieses in der Brettspielversion spätestens mit den Regeln des White-Dwarf-Magazins vom Dezemder 2017 und der Mission Corruption’s Heart erlaubt, Blips auch in Hybriden, Magi und zaubernde Genestealer-Patriarchen umzuwandeln (dringend zu empfehlen) – etwas, das es hier leider nicht gibt, ebensowenig wie alte Missionen mit anderen Fraktionen: der Citadel Journal 2 von März 1994 hat eine schöne Kampagne mit Regeln für Harlequine, die ja jetzt gerade wieder schöne Figuren haben.

Das Schöne an Tactics ist, dass man, ohne das Brett aufzubauen, 30 Minuten bis eine Stunde (oder auch mal drüber) online gegen andere spielen kann. Cyanide hat etwa ein Dutzend Karten erstellt, die sich mit dem neuen System alle gut spielen lassen – einige mit Gimmicks wie Teleportern auf Eldar-Schiffen. Durch die Dauer eines Spiels und die Nerdigkeit der Sache, bei Steam haben über 400 Spieler am ersten Tag der Veröffentlichung gespielt, kommen noch nicht recht viele Spiele zustande. Ich empfehle den Rechner auf Suche zu stellen und ein gutes Buch zur Hand zu nehmen (zum Beispiel das Regelbuch von Space Hulk, denn es ist immens hilfreich, Tactics hat leider selbst kein Manual veröffentlicht) oder anderem nachzugehen – so handhabe ich es auch gerade beim Schreiben dieser Rezension (und es ist auch gerade wieder ein Spiel zustandegekommen). Demnächst sollen jedoch Spiele der unterschiedlichen Plattformen vereinigt werden, und vielleicht kommen doch noch mehr Spieler zusammen, wenn sich rumspricht, was das Spiel genau ist. Denn das Problem ist, dass viele Rezensionen derzeit noch nicht begreifen, dass die Kombination aus Nähe zum Brettspiel und Vorteile des Digitalen die eigentliche Substanz dieses Spiels ist. Space Hulk: Tactics ist für Multiplayer und spielergenerierten Content gemacht. Anders als viele andere Videospiele und eher wie das Brettspiel, das seit 29 Jahren gespielt wird, hat es etwas Zeitloses. Manche Spieler klagten über den Preis. Wenn man bedenkt, dass das Brettspiel über doppelt so teuer ist, ist Tactics geradezu ein Schnäppchen. Es ist ein bombastisches Geschenk für die Fans des Brettspiels.

Wenn ihr es auf der Playstation spielen wollt, added mich (dryaktylus).

 

 

Links:

Space Hulk Focus Home Interactive Forum und mehr

Steam-Community

EDIT:

Steam-, also PC-Spieler … eher ein Spiel, das man mit Online-Freunden über Verabredung spielt.

 

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