Terror und Theorien in Tyros. Ausschnitte aus dem neuem Solo.

Mit blutverschmierten Händen stößt du die Tür zum Kapeleion auf, an den Pfosten gestemmt. Gespräche und Gesang schwallen dir aus dem Hof entgegen, zusammen mit dem vertrauten Duft von Honigwein. Die niedrige Sonne brennt über den offenen Hof der derzeit angesagten Schenke. Dein Blick taxiert wie gewohnt die Sitznischen. Testikles noch nicht da? Muss ja ein erfolgreicher Tag sein. Oh schau an, der Alte Phonios erzählt mal wieder. Du drängst dich auf die Bank und nickst ihmzu, er erwidert den Blick und fährt weiter fort.

„Fürwahr du weißt viel mein Freund! Jetzt aber mal wirklich etwas zum Mitdiskutieren.“
Die Augen seines Kontrahenten – dir war er damals noch nicht bekannt – weiten sich für einen Moment, ein kaum wahrnehmbares Raunen geistert durch die Menge. Deiner scharfen Aufmerksamkeit entgeht nicht, wie an der Ecke sogar  die Luft angehalten wird.
Du grinst.
Zeitgleich lehnt sich Phonios zurück, auch er lächelt und zieht dabei – auf dir so vertraute Weise – seine Oberlippe nach rechts herab. Wie du gehört hast, um den Teil des Schneidezahns zu verdecken, der es von dem kleinen und seltsam selten angesprochen Abenteuerabstecher nach Tartessos wieder nach Tyros geschafft hat. Er reibt sich die Hände und zündet wieder die Pfeife an, nach der Sitte der Thraker und Skythen (soweit du gehört hast). Auf seiner Pfeife erkennst du das in der Schrift der Alten eingeritzte Omega, Sigma und Rho. Das Zeichen der Hetaireia. Er zieht den Duft sanft in seine weiße Pfeife aus sardischem Stein ein. An diesem Tag ist es wohl dieses „threenuns“ oder wie die Barbaren sagten. Dann fuhr er wieder fort:

„Ich mag ja Rollenspiele, aber ich spiele nicht so viel“, beginnt er. „Nicht so viel, was mich wirklich interessiert – damit meine ich systemtechnisch. (Die Runden sind allesamt gut.) Da ein bisschen DSA, da ein bisschen Dark Heresy. Vor allem spiele ich weitaus weniger T&T als ich will, weil ich dafür leite. Drei bis vier Projektmöglichkeiten befinden sich in einem sicher ewig währendem Realisierbarkeitsstatus. Alles ganz entspannt. Trotzdem spiele ich zu wenig Tunnels & Trolls. Zum Glück gibt es da noch das entspannte Lablording, dem ich auch endlich verbindlicher und in einer sehr urig-nerdigen Konstellation beigestoßen bin (mein Schatzzzzz). Also: Ich will Dinge ausprobieren. Spielmechanisch. Ich will das im Spiel können (T&T-Rettungswüfe). Aber auch mal in anderen Rollenspielen. Mein Fate-DSA-Vorschlag hat noch nicht gefruchtet.

Aber jetzt der eigentliche Punkt. Ich sehe eine Gefahr im thematischen Storygaming.

Gefahr? Naja, MR20.

Thematisch-simulationistische Rollenspiele, was meine ich?

Auf Anhieb könnte mir einfallen:
– Franchise-Welten-Spiele, Spiele deren Welt auch außerhalb der Rollenspielszene vermarktet wird (Dark Heresy, Shadowrun, DSA)
– Spiele, deren Welten oft schon länger existieren, die belarpt, becosplayed oder gefanfict (was jetzt böser klingt als gemeint) werden. (DSA)
– Systeme die an der Welt-System-Schnittstelle mit crunchigen Powergamesystemen operieren. Die Systeme sind stark an Welt (und etwas avanzierter: evtl. am Metaplot) gekoppelt. (DSA – hab ich schon gesagt, dass nicht uninteressant finde, was ich über DSA 5 lese?))

Die These:
1.1»Solche« Rollenspiele lenken das Interesse in erster Linie auf die Welt. Im Rollenspiel auch: die Geschichten. Diese Rollenspiele fördern nicht die Auseinandersetzung mit den spielerischen Grundvoraussetzungen, der Theorie des Spiels, der Rolle des Spielsystems.
1.2  Die Systeme der Spiele werden gerne genutzt, als stimmungsvoll (und sogar: fluffig) empfunden und gerne (meist outgame) studiert.
1.3 Die Systeme dieser Rollenspiele haben eine sehr große und glückliche Fanbasis.

Solche Spiele sind nicht interessiert an den Möglichkeiten der Spieltheorie.

Ihre Spieler vielleicht schon.

Und nun oh Liebling des Volkes und Weiser unter allen Griechen. Ich sage dir, so verhält es sich mit dem Angesprochenen unter scharfem Blicke.“

Darauf erhob Phonios‘ Gefährte die Stimme. „Fürwahr Phonios, oh wäre ich nur halb so weise wie du alt bist, dann wüsste ich was ich dir entgegnen soll. Sehr genau hast du alles beobachtet und dargelegt und ich wäre gewiss nicht imstande auch nur ein Wort zu sagen, hätte ich nicht, ja es war auf der Agora hinterm Hühnerskythen, einer doch sehr ähnlichen Rede ganz zufälliger Natur gelauscht. Und seit dem Heimweg geht sie mir nicht ganz aus dem Kopf. Vor allem ist es eine Sache…“

Genau in diesem Moment stürmt ein Bote das Kapeleion. „Testikles im Hafen!“, keucht er. „Feier zu Ehren Tyches! … im Haus der korinthischen Aphrodite! … ist silberbeladen zurückgekehrt!“, dabei hob er aufgeregt die Hände in die Luft, als ob er anzeigte, wie groß die Silberladung war oder gar um der Menge das Startsignal zu geben, um von den Bänken aufzuspringen.

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Jedenfalls strömte sie im Nu auf die Straße, die Sonne im Rücken in Richtung Hafen. Du siehst wie Phonios und sein Gesprächspartner auseinandergezogen werden.

Möchtest du weiterlauschen, dann lies bei XXXX weiter, möchtest du mit der Menge zur Feier des Testikles aufbrechen, dann lies weiter bei XXXX, willst du erst sehen, was Phonios macht, dann lies weiter bei XXXX, willst du lieber seinem Gesprächspartner folgen, dann lies bei XXXX.
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