Gender, Emma Watson & die DORP

Ich halte mich eigentlich beim Thema Gender zurück. Als halbteilig meinen Sohn betreuender Vater habe ich meine eigenen Erfahrungen mit den geschlechtsgebundenen Privilegien in unserer Gesellschaft gemacht und vor allem mit ihrer Thematisierbarkeit.

Der DORP-Cast hat nun einen guten Beitrag zu diesem Thema geliefert, zu einem Thema, das sehr viel schwieriger ist als viele Formen des Feminismus anerkennen. In Medien und Politik kommt es oft nur sehr platt vor. Der DORP-Cast liefert gleich ein gutes Beispiel und eine ganze Anleitung dafür, mit dem Thema umzugehen.

Wichtige Schlüsselbegriffe und -themen: Tropes, Kontext (haben Dinge eine Bedeutung an sich und wie wichtig ist der Kontext, kann man sie, vielleicht sogar politisch-korrekt klassifizieren und festschreiben, oder ist es doch alles nicht so einfach?) und die Vorstellung, dass Tarantinos Django Unchained nicht existieren würde, wenn man immer nur fragt, ob man die Story nicht auch ohne unterdrückte Farbige inszenieren könnte. Wunderbare Ansatzpunkte!

Für das Rollenspiel und Videospiele ist Michaels These von der Idiotie der Gesellschaft sehr nützlich. Aus der überall antreffbaren menschlichen Dummheit kann man noch keine spezifische Unterdrückung von Minderheiten ableiten. Schaut einfach in die Youtube-Kommentare: das ist die Welt, es trifft jeden, das ist der Maßstab. Es muss schon darüber hinausgehen, damit man von spezifischer Gewalt reden kann. Ich würde mich entsprechend freuen, wenn die Debatte in Gamer-Kreisen nicht so aufgeladen werden würde. Ich halte mich dann zwar meistens zurück, will dann aber irgendwie doch Grundsatzdiskussionen anzetteln.

So auch beim DORP-Cast: ich würde nur am Ende einhaken und an einem Punkt widersprechen: es gibt viel verbrannte Erde und mittlerweile gewisse Sensibilitäten, die sollten nicht als Detailversessenheit begriffen werden: es ist (mal wieder) ein riesiger Fauxpax, dass Emma Watson ihre aktuelle Kampagne „HeForShe“ nennt – und den kann man auch so bezeichnen, ohne gleich jede Diskussion zu zerstören. Es ist auch feministisch sinnlos: der Mann wird dabei wieder als strahlender weißer Ritter inszeniert, zugleich auf seine bloße Helferrolle reduziert, die Frau als „Damsel in Distress“ – eigentlich genau das, was Feministinnen (u.A. Anita Sarkeesian, die ansonsten auch nicht so weit von Watson entfernt ist) ständig anprangern.

Doch zu Watson: „HeAndShe“ würde viel eher für den dringend benötigten Dialog stehen und mir kann niemand erzählen, dass dies ein kleines Versehen war. Watson ist nicht blöd, sie hat sich vorbereitet und eine Position vor den Augen der Welt abgegeben. Nein, Watson ist genauso blind für die Probleme oder sie macht da einfach Politik.

Und es ist auch im Watson-Fall bezeichnend, dass die großen Provokateure nicht einmal (männliche?) Antifeministen sind, sondern ein Troll. Und es ist bezeichnend, dass wir sie (mal wieder) sofort für Macho-Antifeministen halten (aber sind sie nicht auch nur Trolle?), die die Wichtigkeit von Watsons Anliegen direkt bestätigen würden. Aber in Wahrheit gilt mal wieder: unser Bild bestätigt unser Bild bestätigt unser Bild bestätigt unser Bild… Und mit Bild sind natürlich die Vorurteile und die jeweils gesellschaftlich angesagten Positionen gemeint.

Die These vom gesellschaftlichen Missstand wurde beim DORP-Cast auch aufgeworfen und ich sage: sie ist so nicht richtig oder zumindest viel zu krude. Dabei gehe ich persönlich von massiven gesellschaftlichen Missständen aus – der Gedanke spendet sehr viel Trost, hat eine gewisse Menschlichkeit und ermöglicht persönliche Freiheit. Aber, wie er genau aussieht ist schwer zu sagen, jeder Mensch erkennt seinen persönlichen Aspekt des gesellschaftlichen Missstandes. Der Missstand muss also bereits Bestandteil der Diskussion sein (auch wenn Watson das nicht so sieht).

Speziell auf die Genderthematik sind Bestandteile des gesellschaftlichen Missstandes Tabus um folgende Themen: Wehrpflicht als Genderproblem, der Einsatz von Frauen an der Front und ihre Rolle in der Heimat, Quoten für Frauen bei gleicher Kompetenz, Lebenserwartung von Männern, medizinische Vorsorge bei Männern, Todesfälle bei Berufen verteilt auf Geschlechter, Selbstmordrate und Zukunftschancen von Jungen und männlichen Heranwachsenden, Gender Pay-Gap im Kontext dieser Aspekte: man verdient weniger bei weniger riskanten Berufen, zusammen betrachtet mit der Frage: wer trifft eigentlich eher die Kaufentscheidungen: Mann oder Frau?, Falschanzeigen bei Vergewaltigungen (Kachelmann), Formen und Verteilung von häuslicher Gewalt – all dies sieht bei einem genaueren Blick nicht so aus, wie es oft im Feminismus angenommen wird.

Speziell in Videospielen kommt dann noch das Riesenthema, dass wir in unserer Gesellschaft Gewalt gegen Männer wohl „eher O.K.“ finden und dass männliche Helden keine Gefühle brauchen – Voraussetzung für und Relikt von der militärischen Disziplinierbarkeit und Verfügbarkeit des Mannes. Viele Männer akzeptieren, ja streben nach diesen Werten, die seit Jahrtausenden eine männliche Identität garantieren (s.u.). Ich glaube, dass sie auch heute noch das Potential haben, Jungen und Männer lange den Blick auf sich und ihre Bedürfnisse zu versperren, wie gesagt ich sehe das mit etwas Weitsicht hier als Vater eines achtjährigen Sohnes.

Dann darf man noch unterscheiden: Frauenrechte (im Westen etabliert) sind auf der Welt natürlich nötig, aber der westliche Feminismus ist oft nur noch ein Lobbyprogramm für westliche Oberschichtenangehörige und Karrieristinnen und hat mit einer geistigen Emanzipation oder auch mit einem Menschenrecht nichts mehr zu tun. Stichwort: „Verteilungskämpfe“. Und wenn es nur noch um wirtschafliche Interessen geht, wenn andere gesellschaftliche Missstände, die Männer betreffen, nicht mehr thematisiert werden, dann ist der Feminismus nur noch ein Lobbyismus. Warum ist die Verteilung der Managerposten ein größerer Skandal und größeres Thema, als die (mal wieder) kaum thematisierte Tatsache, dass 90% der Obdachlosen männlich sind (oder in Amerika, dass auf 100 Männern mit Todesstrafe eine Frau kommt)? Da klingt dann irgendwie die Rede vom Patriarchat wie Hohn und Spott.

Wir haben Genderprobleme. Aber sie sind paradox, oft werden sie von Männern und Frauen selbst gewollt: Viele Männer wollen nicht auf die Versorgerfunktion verzichten, sie wollen funktionieren, streben nach männlichen Stolz, Selbstbeherrschung und Stoizismus (weinen verboten) und das damit zusammenhängende Selbstwertgefühl. Vielen Frauen ist die Mutterrolle wichtig, der Anspruch, perfekte Mutter zu sein. In beiden Fällen sind damit extrem starke Identitätsmöglichkeiten verbunden. Beide, Männer und Frauen, machen anderen Männern und Frauen mit diesen Vorstellungen Druck und versagen sich Solidarität. Zudem bekennen sich bei solch stark bewerteten Diskussionen Teilnehmer oft zu Positionen, die sie selbst dann wieder intuitiv oder in der Praxis ablehnen. Es ist also eigentlich komplett schizophren. Die Trennlinien von Opfer und Täter sind hier nicht einfach anzuwenden. Man müsste eher von tragischen Verwicklungen reden. Die Tragik, dass es schwerer ist als gedacht, neue Gesellschaftsformen zu entwickeln, und dass Männer Männern das Leben schwermachen und Frauen Frauen. Am Ende ist das Genderproblem vielleicht nur eine Abwandlung von Sartres „die Hölle, das sind die Anderen“ und „der Mensch ist des Menschen Wolf“.

Wie geht es nach dem DORP-Cast weiter? Ich empfehle Arne Hoffmanns Blog und alles was in Richtung einer linken Männerrechtsbewegung geht, weil das wird nach meiner Prognose innerhalb der nächsten Jahre und Jahrzehnte Thema.

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