Wie ich mich mit Normalität im Rollenspiel anfreunden könnte

Seitdem ich vor kurzen das Blog von The R.P.G. Outsider kennengelernt habe, bin ich ziemlich begeistert und ich hoffe, dass er in nächster Zeit wieder weiter bloggt. Der allgemeine Umgangston im Internet verhindert leider, dass die Leute sich öffnen. Schade, dass es erst eine Person mit etwas gesunder Distanz zum Hobby braucht (siehe Namen), um dann auch ehrlich (und immer höflich) Positionen zu formulieren, die man sonst kaum liest. Und zusätzlich auch noch verdammt unterhaltsam. Das besagte Blog glänzt mit ein paar Rezensionen. Neben denen zu Tunnels & Trolls, hat mich dann doch die Rezension von James Raggis Lamentations of the Flame Princess gepackt. Und nun bin ich dabei Raggi und Lotfp ein wenig mehr kennenzulernen und ich bin begeistern von dem, was Raggi geschaffen hat. Ein Detail hat mich besonders überrascht. Ich bin gerade ganz hin und hergerissen, nachdem ich von James Raggis Einstellung zur Kampagnenwelt gelesen habe, weil sie sich doch sehr von meinem aktuellen Ansatz unterscheidet. Bei Katabasis war es für mich eine Entdeckungsreise, den Hellenismus kennenzulernen und ich kann gut den OSR-Ansatz verstehen, das Vertraute und Bewährte im Spiel spannender zu machen, indem man es neu anstreicht oder in einer anderen Umgebung einsetzt. Das ist die Methode von Mazes & Minotaurs, aber auch von RPGPundits Arrows of Indra – und war die Ideen bei Katabasis; weg vom Pseudomittelalter hin zur Antike, wobei anders als bei Mazes & Minotaurs hier eher der historische Alltag im Vordergrund war. (Und die Unterwelt ist auch weniger ein D&Desker Zoo mit mythologischem Flair sondern zumindest thematisch enger gefasst.) Am Anfang haben mich ganz materielle Details interessiert, welche Waffen und Rüstungen wurden verwendet, wie viel ist was wert usw. Ich persönlich bin von der Antike fasziniert, von vielen kleinen Details: warum ist das Hoplon so gemacht wie es ist, davon, wie Türen und Schlösser funktioniert haben, dass Türen und Dachziegel als Möbelstücke galten, die man als Mieter mitbringen musste, davon dass bereits Bürokratie extrem stattgefunden hat und jede Polis Listen über die Bürger geführt hat und die Bürger, auch wenn sie auswärts waren, als Bürger einer Polis die Rechte der Polis besaßen und Sonderrechte, die in Verträgen mit anderen Städten ausgehandelt wurde. Ich bin immer noch auch allgemein fasziniert: davon, dass man bei Nachforschungen ständig überrascht wird, davon dass über den Alltag nicht so viel bekannt ist. Als ich dann versucht habe, eine Einführung in die Welt zu geben, habe ich versucht, genau diese Dinge zu betonen. Was mir vor allem wichtig war, war festzustellen, dass wir nicht wissen was zu der Zeit im Alltag als normal galt und dass wir beim Spiel in der Antike uns mit unseren Vorurteile auseinandersetzen müssten. Eine Frage war damals z.B., ob  unterschiedliche Ethnien problemlos zugelassen werden konnten (was weniger ein Problem ist, aber angeregt durch diese Artikel) und wie es sich mit Nationalismus und Rassismus in der Zeit verhielt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mich ein wenig mit der Frage beschäftigt, wie plausibel es wäre, Abenteurerinnen zu spielen, womöglich komplett in griechischer Kampfmontur. Ich merkte, dass es mich irgendwie gestört hatte, dass oft betont wurde, dass dies nicht möglich sei. Mittlerweile ist die Frage für mich ein für allemal geklärt, auch wegen diese Artikels. Das interessante ist, der Artikel ist eigentlich trivial. Das Problem, ob Frauen in einem historischen Setting Kriegerinnen sein können oder nicht lässt sich eigentlich leicht herunterbrechen: ja, es stimmt, dass es Kulturen gab, in denen Frauen nicht in Erscheinung traten und vor allem auch nicht am Krieg als kultureller Praxis teilnehmen konnten. Krieg hat in Kulturen auch immer eine kulturelle Bedeutung und oft einen Wert, von dem sich der Wert und das Bild des Kriegers ableitet. Phalanxkampf war zum Beispiel ein höchst zivilisiertes, fast ritualhaftes Gefecht, fast wie ein Spiel. Die beiden Parteien einigten sich auf ein Schlachtfeld, plätteten das noch schön zuvor, stellten sich dann ordentlich gegenüber auf und marschierten hochgerüstet und in Formation aufeinander los. Sieger ist offiziell, wer am Ende auf dem Schlachtfeld bleibt und zu wem dann die andere Partei ankommen muss um um die Herausgabe der wohl wenigen Gefallenen und Verletzten zu bitten. Dabei haben Frauen nicht mitgemacht, durften sie nicht. Aber dann gibt es natürlich den Krieg als unzivilisiertes Phänomen, als Überlebenskampf, in dem die Kultur nicht gelebt, sondern bedroht wird. Und dabei haben quer durch die ganze Menschheitsgeschichte Männer, Frauen, Alte und Kinder mitgemacht – und dann mit allem was an Waffen und Rüstungen vorhanden ist. Mit der  Anekdote will ich eigentlich nur auf eines hinaus: der Wert von Geschichte ist es, Vorurteile in Frage zu stellen. Und ich stelle es mir als komplett demotivierend, uninspirierend und sehr, sehr nervig vor, gerade in einer historischen (aber auch sonstigen) Welt zu spielen, in der der Spielleiter bestimmte Vorurteile hat, vor allem Vorurteile nach dem Muster: das hat es nicht gegeben. Geschichte funktioniert so nicht. Einzelfälle gibt es immer. Und dann lese ich James Raggis Referee Book und stoße auf folgende Stelle:

It is suggested that you use as “normal” a campaign world as possible. If monsters and magic are everywhere in a world, then fear and terror becomes harder to portray.

Und ja er hat recht! Das ist total einleuchtend, es macht Sinn in einer solchen Welt zu spielen. Und plötzlich kann ich mich mit der pseudomittelalterlichen Fantasy anfreunden und irgendwie überrascht und verwirrt mich das – und ich überlege, ob ich einen anderen Blick auf die Antike als Setting entwickeln könnte.

Ich glaube der Punkt ist, dass die Normalität hier als solche angemessen behandelt wird, sie ist eine reine Kulisse für das Abenteuer und das macht Sinn. Sie ist banal. Das ist allerdings wiederum etwas ganz anderes, als ein Fan dieser normalen Kampagnenwelt zu sein und sie ins Zentrum des Spiels zu stellen. Gerade das will Raggi ja vermeiden. Hier geht es ganz klar ums Abenteuer, die Bedrohung der Normalität, um das Weirde. Das ist kein Hartwurstrollenspiel. Auf diese Weise interpretiert, könnte ich Fan der Normalität werden.

EDIT: Nachtrag.

Irgendwie lässt mich dieser Punkt auch über Carcosa nachdenken. Ich habe schon länger festgestellt, dass ich einige Dinge an Carcosa nicht so mag, konnte sie aber nicht genau festmachen. Ich glaube im Nachhinein, Carcosa hat ein etwas blödes Verhältnis von Normalität und Weirdness. Carcosa ist auch eine sehr fremdartige Welt (also im Grunde der Katabasis-Arrows of Indra-M&M-Ansatz) bzw. soll sie sein. Im Endeffekt behandelt Carcosa diese Weirdness aber eher lieblos und gefühlt zu sehr in Zufallstabellen verpackt. Es fehlt ein wenig die Stimmung für den Fremdartigkeitsansatz. Es geht also dabei gar nicht um erlebte Fremdartigkeit (die ja sogar überfordernd sein kann), sondern um gefühlte. Die Regeln können ruhig gleich bleiben.

Eine andere Parallele zu LotFP ist, dass Carcosa sehr weird ist. Bei LotFP beschränken sich die bedrückenderen Aspekte der Weirdness allerdings nur auf die Illustrationen, im Spiel sind sie kaum relevant. Bei Carcosa sind sie stärker auch im Spiel enthalten auf eine Weise, bei der man sich stärker damit auseinandersetzen muss. Ich glaube nicht, dass es das Problem von Carcosa ist, sehe aber keinen Vorteil in der Herangehensweise. Egal wie grausam eine Hintergrundwelt ist, die Spieler (und in der Welt die Charaktere) können jeweils für sich selbst entscheiden, wie sehr sie sich mit diesen Grausamkeiten auseinandersetzen wollen. Oder um es anders zu formulieren: viel gute und auch leichte Unterhaltungsliteratur könnte wie Snuff-Videos wirken, wenn der Erzähler einen anderen Blick hätte (genau genommen gilt das schon für jeden Kampf auf Leben und Tod).

Ich werde sicherlich noch weiter drüber brüten und melde mich, wenn dabei was rauskommt.

Advertisements

6 Antworten to “Wie ich mich mit Normalität im Rollenspiel anfreunden könnte”

  1. Eben dieses „für seine Bewohner“ ist mAn der Knackpunkt in der Darstellung historisch inspirierter, aber auch gänzlich fantastischer Settings. Die Leute dort gehen von der Realität – für uns – fantastischer Elemente aus; die Herausforderung beim Rollenspiel besteht darin, sich in eine solche Welt wirklich hineinzudenken (wie ich das vor einiger Zeit im Karnevalsbeitrag (http://rpgnosis.wordpress.com/2014/03/03/magie-wissenschaft-und-der-sense-of-wonder-karneval-der-rollenspielblogs/) darzustellen versuchte.
    Schwieriger noch als die fantastischen Elemente finde ich allerdings, eine wirklich vor-moderne Denkweise für den dargestellten Charakter anzunehmen – was heißt, beispielsweise unsere Vorstellungen von Recht, Gesetz, Würde und anderen Errungenschaften der Aufklärung über Bord zu schmeißen, aber das ist nochmal ein anderes Thema…

    • Ja du hast vollkommen recht. Ich müsste auch noch mehr in die Richtung mal lesen, das ist ein ganz ganz spannendes Ding.

      Aber noch mal zum Fantastisch:
      Fantastisch für die Bewohner ist noch nicht unbedingt Fantastische in der Welt. Z. B. die historische, echte Welt ist nicht fantastisch (vielleicht sogar a la LotFPlangweilig?), es gibt keine Wunder, nur Naturgesetze. Aber sie erscheint für viele Menschen fantastisch.

      Beim letzten Teil könnte man jetzt noch schauen: erscheint sie ständig fantastisch für sie oder haben die auch einen langweiligen Alltag und sind nur hin und wieder von religös-fantastischen Erfahrungen ergriffen, wenn sie über die Skiapoden am Ende der Welt reden oder bei einem wichtigen Initiationsritual dabei sind? Ich tippe darauf: eher letzteres.

      Und jetzt gäbe es vielleicht noch einen Punkt, den du angesprochen hast: selbst wenn der Alltag für die Leute langweilig war, könnte es sein, dass er für uns wiederum ziemlich fremdartig vorkommen würde und die fantastischen Elemente vielleicht sowieso. Diese Vorstellung finde ich ziemlich faszinierend.

      So einiges wiederholt, was du meintest, aber so lerne kriege ich das besser auch für mich klar ;)

  2. Interessant. Ich bin auch noch nicht durch mit der Überlegung, wie das Verhältnis von normal vs. fantastisch meine Darstellung der Prä-Antike für mein Pandora-Setting werden soll – habe aber im Gegensatz zu deinem Diadochen-Setting den „Vorteil“, dass über die Epoche, an der ich mich orientiere (vor 1.000 v.Chr.) noch sehr viel weniger bekannt ist.
    Generell denke ich aber auch, dass es leichter ist, in ein möglichst „normales“ Setting hineinzufinden, dann kommt man auch weniger leicht in große Widersprüche, wenn man fantastische Elemente einführt.

    • ich versuch mal was auseinanderzuhalten:

      normal vs phantastisch: den Hellenismus in Katabasis würde ich nur so phantastisch spielen, wie er meiner meinung nach wirklich gewesen war – nämlich für seine Bewohner. D&D-Zauberei gibts da im Alltag nicht, auch wenn Leute glauben können, das andere sie verflucht haben. Aber der Alltag, die Welt ist sozusagen historisch. Nur gibt es da nun ein paar verborgene Dungeons (in denen Magie wirkt).

      normal vs faszinierend: Aber ich persönlich möchte natürlich etwas von meiner Faszination für den (wenig bekannten) Alltag im Hellenismus vermitteln.

      das Erste bezieht sich mehr auf die Regeln, das Letztere auf Verpackung und vor allem den Versuch, Spieler oder Spielleiter für die Welt zu beigeistern (abgesehen von Regeln oder Dungeons).

  3. Hm ich dachte ich hätte das beim Hanson gelesen, naja aber zumindest immer noch relativ zivilisiert. Ja die edlen Griechen, auch so ein Ding womit ich im Rollenspiel eher nichts anfangen könnte. Pompejii soll ja ein ziemlicher Schreck für die gebildeten Antikefans gewesen sein ;)

  4. Ja, das ist der Effekt das man CoC am besten mit Leuten spielt, die keine Ahnung vom Mythos haben. Da kommt das Unbekannte, Weirde (hust), Schräge erst Richtung zur Geltung. ;)

    Übrigens, die Geschichte mit dem zivilisierten Phalanxkampf ist wahrscheinlich eher 19.Jhdt.-Hype von den ach-so-edlen Griechen.

Sprich, Freund, und tritt ein!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: