Von Silberschilden, Vliesräubern und dem einen Ring am lydischen Königshof – Rollenspiel im Hellenismus (5)

Es gibt mehrere Gründe, warum man den Hellenismus als Setting und Zeit für das eigene Rollenspiel wählen kann:

1. gerade mit dem anhaltenden Antike-Boom seit Gladiator kann man den Mazes & Minotaurs-Weg gehen, den Paul Eliott mit der Entdeckung der  „Gygax – Arneson Tapes“ vorgegeben hat: einfach mal Rollenspiel auf Griechisch.

2. wie oft schon dargelegt wurde, eignet sich der Hellenismus besonders gut, weil, wie Paul Elliott dargelegt hat, alles größer wird, alle das gleiche sprechen, man überall auf die Schablone der griechischen Kultur zurückgreifen  kann usw. Aber auch Volker Bach hat einen guten Punkt: bei den Quellen ist genau so viel erhalten, dass man nicht ins Rudern kommt, nämlich der Rahmen, und so viel offen, dass man vieles selbst definieren kann.

Ich will in diesem Teil einen dritten Punkt anmerken: Der Hellenismus wurde lange und wird heute immer noch häufig als eine moralische Verfallszeit angesehen. Es gibt gewiss moralische Entwicklungen, die man unterschiedlich bewerten kann sowie unterschiedliche Antworten auf die Frage, wer denn daran die Schuld trägt. Worauf ich aber eigentlich hinaus will: ich glaube für’s Rollenspiel und die Literatur haben solche „schwierigen“ Zeiten einen eigenen Reiz: sie ermöglichen ein unterhaltsames Spiel, das sehr nahe an der Ursituation des Rollenspiels, dem bösen, materialistischen Dungeoncrawl und damit nahe am etwas proletarischen (aber verdammt unterhaltsamen) und vor allem dadurch etwas gesellschaftskritischen Genre der Sword-&-Sorcery ist. Ich will das mal festmachen an drei Geschichten.

Die Silberschilde
Die Geschichte von den Argyraspiden, den Silberschilden, wird von einigen als Symbol für den Wendepunkt zum Hellenismus gesehen und als typisch für die neue Mentalität. Zuvor noch einmal die Eckdaten:

Wenn man an das antike Griechenland denkt, denkt man normalerweise als erstes an das klassische Griechenland und an Weisheit. Es fallen die Schriften der Philosophen ein, die politischen und staatstheoretischen Überlegungen und Entwicklungen, die die Griechen anstellten. Dann kommt ihre Religion in den Sinn, eine Religion, in der die Götter launisch sind wie Menschen, in der sie zu Symbolen für den Menschen selbst werden. Eine Religion, die den Gläubigen nicht Unterwürfigkeit nahelegt, die Vielfältigkeit und Uneinigkeit der Götter, damit des Menschen und so seine Freiheit betont. Alles in Maßen, war der Leitspruch. Geistige Offenheit trifft auf Demut und Bescheidenheit, letztere sind besonders gut in den Tragödien sichtbar. Hier ist es die Hybris, welche die große Gefahr des Menschen ist, die wie die blinde Gerechtigkeit jeden treffen kann. Vor den Göttern ist jeder gleich, die Moral gilt für alle.

Mit dem Aufstieg Alexanders des Großen ändert sich das und die Welt wird moderner. Alexander begreift und inszeniert sich als Abkömmling Achilles‚ und Herakles, zwei archaische Heroen, die in der klassischen Zeit eher als Mahnmal gegolten haben. Die neue Losung lautet: Erfolg und Ruhm. Erfolg weist nun auf göttliche Legitimation hin und für den Erfolgreichen gelten eigene Gesetze. Das hat nicht nur Alexander gezeigt, sondern 10 Jahre nach seinem Tod auch die Argyraspiden: allerdings mit mehr Gewicht auf die negativen Seiten dieser Entwicklung.

Die Argyraspiden waren die Silberschilde, eine makedonische Elitetruppe, die unter dem makedonischen König Philipp gedient hatte. Nach dessen Tod haben sie mit seinem Sohn Alexandros die Pläne Philipps umgesetzt, die bekannte Welt erobert und ein Weltkönigreich gegründet. Fortan war die Welt bekannt als die koine oikoumene ge und Alexander als ho Megas, der Große. Doch 13 Jahre nach Beginn des Feldzuges verstarb er plötzlich in Babylon an den Folgen einer wüsten Gelages. Und so plötzlich, wie er sein Reich aufbaute, so plötzlich geriet es mit seinem Tod ins Wanken. Denn nun gab nur sein Beispiel die neue Richtung der Weltgeschichte vor, doch sein Beispiel, das war der Erfolg und für Erfolg gibt es leider keine Bauanleitung, was die Griechen durch ihre Diskussionen um die Arete eigentlich wussten (nur nicht die Makedonen?).  Ein Nachfolger konnte sich nun erst einmal nur als ein erfolgreicher General vorgestellt werden. Anders als in den Vorstellungen der griechischen Philosophen wollte Alexander nie einen Staat errichten, in dem die Weisen herrschen, sondern einen, in dem die besten herrschen. (Frei nach dem Motto von Ken St. Andre: „Wisdom? What the hell is that? I’ll take luck any day.“) Und die besten der besten, das waren die Silberschilde und die zeigen auch ganz gut, dass Weisheit dann doch noch einmal etwas ganz anderes ist.

Bereits wenige Jahre nach Alexanders Tod tobte schon der zweite Diadochenkrieg. Der nun schon zweite Reichsregent Antipater verstarb und übergab das Amt nicht an seinen Sohn Kassander, sondern an den erfahreneren Polyperchon. Beide scharten Anhänger um sich, unter ihnen auch die Verwandtschaft Alexanders, die sich fast vollständig töteten oder von den aufstrebenden Generälen getötet wurden. Die Argyraspiden waren längst legendär, gefürchtet und verehrt, standen sie doch im Ruf, unbesiegbar zu sein. Die meisten der 3000 Krieger waren bereits über 60 Jahre alt. Jetzt waren sie im gebirgigen Killikien im südlichen Kleinasien stationiert. Reichsregent Polyperchon schickte seinen Strategen Eumenes nach Asien um sie in seine Dienste zu bringen. Doch der Königsbrief von Polyperchon reichte nicht aus. So griff Eumenes zu einer List. Er gab vor, dass Alexander ihm in Traum erschien und den Befehl über die Silberschilde übergab. Er ordnete einen Opferdienst an, bei dem jeden Morgen eine Opferzeremonie an der aufgestellten, persönlichen Rüstung Alexanders in seinem persönlichem Kriegszelt im Lager der Silberschilde vollzogen werden sollte. Das schmeichelte Antigenes und seinen Silberschilden sehr und sie stellten sich in den Dienst Eumenes‘.

Nun kam es zu der schicksalhaften Schlacht von Gabiene. Eumenes schlug sich mit Kassanders Truppen unter Antigonos dem Einäugigen, einem einstigen Freund und Mitstreiter in der Armee Alexanders. Eumenes hatte den Sieg bereits fast errungen, doch seine Truppen verweigerten den tödlichen Stoß. Das Gerücht ging um, dass im Chaos der Schlacht die Truppen Antigonos das Lager Eumenes‘ erobert hätten und damit die Beute der Silberschilde: Gold, Silber, Sklaven, die sie in Jahrzehnten angehäuft hatten und ihre Frauen und Kinder. Beide Armeen trennten sich in einem Unentschieden voneinander und die Silberschilde unter Antigenes sandten sofort nach der Schlacht eine Gesandtschaft zu der gegnerischen Armee, um Verhandlungen aufzunehmen. Doch Antigonos  Preis war schrecklich: die Auslieferung Eumenes‘. So beschlossen Antigenes und die Silberschilde den Verrat an ihrem Feldherren und brachten ihn zum feindlichen Lager. Antigonos wollte Eumenes, an dessen Seite er bereits zuvor gekämpft hatte, nicht töten, doch dessen einstige Verbündete drängten nun darauf, dass er exekutiert würde, damit sie nicht in Zukunft seine Rache für ihre Untätigkeit treffen würde. Auch die Generäle Antigonos‘ neideten Eumenes Können sehr und wollten ihn nicht als Verbündeten, da sie dann an Einfluss verlieren würden. Antigonos nahm sich Bedenkzeit, erst als eine Meuterei auszubrechen drohte, befahl er, Eumenes das Essen vorzuenthalten.

So musste die Welt geschockt feststellen, wie ein erfolgreicher Kriegsherr eine bereits fast gewonnene Schlacht verlor und schließlich in Gefangenschaft verstarb – nicht durch die Kraft seines Gegners, sondern durch die Schändlichkeit seiner Freunde, die einst die Auserwählten und treuesten Krieger Alexanders waren. Eumenes starb bald beim Abbruch des Lagers durch die Hand einer Wache. Die Silberschilde wechselten die Seiten. Sie wurden jedoch bald von Antigonos aufgelöst und an die Ränder der Welt geschickt und in Spezialmissionen aufgerieben, als Warnung für alle. Doch nun hatte auch der letzte die Zeichen der neuen Zeit erkannt: den Wert der Freundschaft, den Preis des Erfolges und die Söldnermentalität auch der besten unter ihnen.

Hier die Geschichte in besser. Die Rede der Silberschilde ist auch schön (18.1).

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Wer sagt Jason sei nicht Old School??? (Harryhausen-Trailer)

Apollonios von Rhodos und sein hellenistischer Iason
Über 30 Jahre sind seit den Silberschilden vergangen, aber ihr Beispiel hat Schule gemacht. Die neue Herrschaftsform hieß Euergetismus: die Könige machten den freien Städten in Kerngriechenland Geschenke, ihnen wurde dafür im Gegenzug geschmeichelt, was die jungen Griechen wiederum dazu brachte in die Heere der Könige einzutreten, damit diese ihre Schlachten schlagen konnten um an die Beute zu kommen, die sie den Städten wiederum zu Geschenk machen konnten.. Ganz im ernst. Es folgte fast ein halbes Jahrhundert der riesigen Schlachten.

Nun nach 30 Jahren hat auch der letzte begriffen, dass das irgendwie nicht funktioniert und KEIN neuer Alexander aus diesen Fehden entsteigen würde.

Just in dieser Zeit hat der baldige Leiter der Bibliothek von Alexandria ein Epos veröffentlicht, eigentlich etwas ungewöhnlich, da der aktuelle Trend eher in Richtung von Kleinliteratur geht, schmeichelnden Gedichten für die Hofstaate und Beschreibung der Wunder der neuen Welt. Die Argonautika, gibt dem hellenistischen Helden das Bild, das er verdient. Iason ist als archaischer Heros eh kein gutes moralisches Vorbild und sein Abenteuer ist im Grunde ein Goldraub. Apollonios schafft es aber, den hellenistischen Iason so zu zeichnen, dass er als Begründer des Antihelden gelten kann (vorher war er zumindest noch ein Heros) – im Grunde also alles sehr modern, so ein wenig wie die Coen Brüder. Carspecken fasst es gut zusammen:

„[Iason ist] gewählter Anführer weil sein Ranghöherer diese Ehre ablehnt, unterliegt seinen Kameraden, bis auf ein Mal, in jeder Prüfung, ganz gleich ob nach Stärke, Geschick oder Mut, ist ein großer Krieger allein durch die Hilfe magischer Zauber, eifert nach Ehre, aber kann sie nicht behaupten, ist passiv angesichts der Krise, schüchtern und verwirrt gegenüber den Schwierigkeiten, weinerleich bei der Kränkung, schnell mutlos, anstandslos heimtückisch in seinem Umgang mit der liebeskranken Medea…“

In der heroischen Archaik, die durchaus auch Parallelen zum Hellenismus hat, zählt die gewagte Tat mehr als die Moral. Es geht um Ruhm und Gold. Aber es gibt einen Unterschied zum Hellenismus, denn in der Archaik gibt es noch die Wirkmacht des Einzelnen, er kann in der Welt noch etwas bewegen. In der apollonischen, hellenistischen Argonautika gibt es diesen Helden nicht mehr. Und dass alle Figuren wirken etwas oberflächlich wirken, ist gewollt. Hier wird klar: die Gruppe ist der Held, nur sie kann noch etwas bewirken – eine Erfahrung, die seit der klassischen Zeit, vor allem aber im Hellenismus der riesigen Reiche, Städte und Kriege besonders zählt.

Die Geschichte vom einen Ring mal etwas realistischer
Und nun noch mal eine Geschichte, die eigentlich nicht hellenistisch ist – aber sein könnte! Vor allem aber ist sie eine der sehr Sword-&-Sorcery’esken Geschichten: die Geschichte von Gyges. Hier kommt alles vor, was man für’s Dungeoncrawling braucht in dem Old Geezers Old-School-Maxime gilt:

„Strategie ist die Kunst, einen fairen Kampf zu vermeiden, Taktik ist die Kunst, einen Kampf zu deinen Gunsten unfair zu gestalten.“

Es geht um einen einfachen Hirten, eine Höhle, ein Rätsel in Form eines trojanischen Pferdes, einen magischen Ring, der unsichtbar macht und darum, wie der Hirte ihn nutzt, um die Königin nackt zu sehen und schließlich König zu werden, der sonst aber nach Herodot „keine großen Taten vollbracht“ hat. Weil das hier alles eh schon so lang geworden ist und Michael Köhlmeier die Geschichte besser erzählen kann als ich: hier einmal zum anhören.

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Gygesianischer Naturalismus: realistischer als der Herr der Ringe

Schließlich noch ein kleines Nachwort zur These, dass der Hellenismus eine moralische Verfallszeit ist. Ich würde lieber sagen, die Klassik wurde idealisiert. Man kann sagen, die Griechen sind materialistisch, illoyal und lassen sich nun ständig bestechen im Hellenismus, aber man kann auch sagen, dass die hellenistischen Könige ihre Aufgabe als Wohlfahrtsorganisation für die griechischen Welt sehen. Um die Griechen etwas in den Schutz zu nehmen: die Alternativen sind auch nicht immer besser. So verzichten die Griechen zumindest auf die ausgearbeiteten Quälereien, die die Orientalen und Karthager anwenden und anders als die Römer zeigen sie gerne Mildtätigkeit und überziehen ihre Gegner nicht mit endlosen Fehden.

Und dann noch mal die früheren Artikel zum Rollenspiel im Hellenismus: Teile 123 und .

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