Rollenspiel in der Antike

Eine Kritik am Rollenspiel ist ja die Detailversessenheit mancher Spieler und Leiter. Der sgn. Hartwurstrollenspieler soll sich dadurch auszeichnen, dass er im Quellenbuch nachschlägt wie teuer die Hartwurst im Nachbardorf ist und sich dann in ein Abenteuer um das Niederschlagen des Hartwurstkartells stürzt, im schlimmsten Fall aus moralischen Gründen. Andererseits gibt es auch den anderen Effekt: Man spielt Rollenspiel, recherchiert ein wenig und wundert sich über die kleinen Details und wie anders die Welt oder andere Kulturen sind oder waren, gerade, wenn man sich vom pseudomittelalterlichen Setting entfernt, sozusagen der Ansatz von Mazes & Minotaurs. In meinem Fall handelt es sich um das Jahr 270 v. Chr. Dennoch funktioniert das übliche Sword-&-Sorcery-Modell trotz einiger Kuriositäten des Spiels ganz gut.

Ich hatte ja eigentlich nie eine Abneigung gegen die Antike, doch man kommt eher mit philosophischen Schriften in Kontakt. Auch in den Medien wird man nicht gerade überschwemmt mit Handlungen, die in der Antike spielen und oft wird das dann überästhetisiert, wie ich finde ein zu leichter Ausweg des derzeitigem Entertainments. Die Serie Rome von HBO gibt übrigens ein schönes Bild aus einer eher alltäglichen Perspektive. Anbei einige mehr oder weniger konkrete Stichpunkte zum Leben in der Antike.

Arbeitsmoral
Interessant ist das Verhältnis zur Arbeit bei den antiken Griechen. Reichtum wird geschätzt, ja ist teilweise Voraussetzung für Ämter und eine politische Laufbahn, aber Arbeit wird als banausisch abgewertet. Der ideale Grieche ist nicht zu reich um verdorben zu sein, aber so reich, dass er nicht arbeiten muss und sich den ganzen Tag der Politik und dem öffentlichen Leben widmen kann. Der Händler ist dann eher weniger angesehen, kann aber sein Ansehen natürlich aufpolieren und Ehrenbürger werden, wenn er in Zeiten der Not Getreide an die Stadt verschenkt. Die generelle Haltung gegenüber Händlern ist aber eher skeptisch.

Wirtschaft und Preise
Aber wie viel verdiente man überhaupt, wie teuer war der Lebensunterhalt?

Die wichtigste Münze war die Drachme, eine Silbermünze von 4 bis 6 Gramm mit hohem Silbergehalt. Die attische Drachme hatte einen Durchmesser von nur 16 Millimetern und ist damit so breit wie unsere 1-Cent-Münze, aber so dick und schwer wie ein 10-Cent-Stück. Sie entspricht dem römischen Denar (vor seiner Inflation in späteren Zeiten). Etwa eine Drachme war der Tagesverdienst eines gelernten Arbeiters, der eines ungelernten Arbeiters lag nur knapp darunter. Dies entsprach auch dem Lohn eines Soldaten und dem Gewinn eines Bauern. Sklaven haben nicht weniger als die Hälfte verdient. Polybios gibt an, dass der reichste Grieche um 200 v. Chr. 200 Talente besessen hat. Ein Talent ist das Gewicht, das eine Person optimal tragen konnte, es entspricht einer Amphore Wasser und liegt bei etwa 26 kg, also etwa einem Kubikfuß. Als Währung angegeben bezeichnet es das Gewicht in Silber, jeweils 6000 Drachmen. (Da die Dichte von Silber etwa 10 Mal so hoch ist wie die von Wasser haben wir etwa 2.6 Liter Silber bei 26 kg.)

Jetzt ist es mit den Preis aber nicht ganz so einfach. Zum einen ist er bestimmt von Angebot und Nachfrage, andererseits gab es schon immer auch die Vorstellung eines gerechten Preises, eines richtigen Wertes eines Objekts. Das Ausnutzen von extremen Preisschwankungen wurde teilweise bestraft, Luxus und Reichtum in Münzen oder Schmuck rechtlich begrenzt und Getreide vom Staat subventioniert, damit der Preis gleichbleibend niedrig ist. Ein gerechter Preis bei den Waren ist natürlich eine schwierige Vorstellung. So muss man ja zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis unterscheiden, das Bereithalten der Ware und der Verkauf ist ja eine Dienstleistung. Das wurde früher von den Bürgern nicht unbedingt immer verstanden. Auch die Art und Weise des Transportes der Ware war ausschlaggebend für den Preis, sowie die Zölle, die auf den Weg zum Verkaufsort beim Überqueren von Zollgrenzen bezahlt werden mussten:

Die Relationen der Transportkosten sind für See, Fluss und Land mit 1 : 4,9 und 28 ermittelt worden. Zum Vergleich: Für eine Kamelladung (etwa 270 kg) ist mit Kosten von einer Drachme pro Kilometer zu rechnen, wobei Kamele noch relativ günstig sind. Der Zoll betrug etwa 2% Warenwert für Import und Export. (Drahota: Skizzen zur Geschichte der Preise. S. 259 ff.)

Außerdem gab es ja auch Wertschwankungen der Edelmetalle. Als Alexander der Große das reiche Persien eroberte, wanderten unvorstellbare Mengen von Gold und Silber in den Westen nach Griechenland und veränderten die Wertrelationen der Edelmetalle zueinander. Es entwickelte sich ungefähr eine Relation von Kupfer, Bronze, Silber und Gold von 4800:700:10:1.

Zudem war menschliche Arbeitskraft unterschiedlich teuer. In Ägypten gab es zum Beispiel besonders viele Sklaven und Arbeitskräfte, die den Preis drückten.

Sklaverei
Gerade auch der Preis von Sklaven wird wohl stark geschwankt haben. In Athen, wo besonders viele Sklaven waren hatten sogar arme Bauern oft mindestens einen Sklaven, wobei „arm“ hier eher verschuldet meint – bei großer Überschuldung wird dann der Bauer selbst zum Schuldsklaven und konnte vorsolonischen Zeiten sogar in die Ferne verkauft werden, was für den sozialen Frieden eine große Herausforderung war.

Weibliche Sklaven wurden oft zur Prostitution gezwungen, generell konnten sich Sklaven allerdings auch freikaufen. Sie besaßen eigenes Geld, mit dem sie handeln konnten. Freigelassene Sklaven konnten einen geringeren Betrag auch täglich oder jährlich abzahlen. Paradoxerweise wurden für gefährliche Aufgaben oft eher freie Arbeiter eingesetzt, die das Risiko selbst trugen. In römischer Zeit gab es durch die Eroberungen noch mehr Sklaven, die sich aufgrund des geringen Preises zugrunde arbeiten mussten, zum Beispiel in den spanischen Bergwerken. Deshalb hatten Römer wohl besonders große Probleme mit Sklaven und Sklavenaufständen, obwohl das vorrömische Sparta als Sklavenstaat hier ähnliche Erfahrungen macht – komplett mit Geheimpolizeit und demonstrativen Sklavenhinrichtungen.

Sklaverei oder das Vermieten von Sklaven war das einträglichste Geschäft in der Antike. Bei einem Einkaufspreis von 300 bis 500 Drachmen würde ein Sklave bereits nach zwei bis drei Jahren die „Investitionskosten“ eingespielt haben und ab dann nur noch Gewinn produzieren. In Athen wurden im nahegelegenen Silberbergbau gut ausgebildete Sklaven zu Tausenden vermietet.

Der Unternehmer ist aber wohl das Gegenteil zum Abenteurer, welcher wohl auch eher ärmlicherer Herkunft entspringt oder sein Gold immer verprasst. Ein anderes Stereotyp ist natürlich der Dieb.

Was gab es beim Diebstahl zu holen?
Was mich bei all diesen Dingen am meisten überrascht hat, ist die Menge an Waren, die überhaupt zur Verfügung standen. Heutzutage klagen wir über Messieprobleme und auch jeder Nicht-Messie besitzt durchschnittlich bis zu 10 000 Dinge. In der Antike muss man sich das anders vorstellen. Schon Kleinigkeiten kosten viel. Eine Haarnadel kostet einen Tageslohn. Kleidung, damals einfache, rechteckige Wolldecken kosten 3 Drachmen und mehr, das Übergewand bis zu 20 Drachmen bzw. Tageslöhne. Dazu kommt, dass Kosten für Nahrungsmittel recht hoch sind. Ein Drittel Drachme kann man für Getreidebrei und verdünnten Wein pro Tag pro Person schon veranschlagen. Viel Geld, um sich Dinge einzukaufen blieb dann nicht und deshalb haben die Frauen der Familie den ganzen Tag Kleider gearbeitet, die dann im hauseigenen Laden, der der Straßenseite zugewandt war, verkauft werden konnten. Dass die Menschen nicht so viele Dinge besessen haben, sieht man auch in der Einrichtung der Häuser. Die Mieten waren 270 v. Chr. noch recht günstig (in Rom später ändert sich das). Den größeren Anteil am Wert haben die Möbel und der Hausrat ausgemacht. Bei einem wohlhabenden Athener konnte das auf ein Verhältnis von 2000 Drachmen (Haus) zu 10 000 Drachmen (Hausrat) kommen. Vielleicht liegt das auch einfach daran, dass sich besonders luxuriöse Häuser bei den demokratischen Athenern zumindest in der Stadt nicht geziemt haben. Weniger wohlhabende Bürger wohnten zur Miete (etwa 3 Drachmen pro Monat). Türen und Dachziegel galten als kostbar und zum Mobiliar, dass der Mieter selbst beisteuerte. Die wenigen Dinge, die man besessen hat, hat man in Truhen aufbewahrt oder an Nägeln an die Wand gehangen. Regale sind erst in römischer Zeit aufgekommen – möglicherweise weil auch langsam eine Warenschwemme eingesetzt hat?

Diebstahl kam in der antiken Gesellschaft wohl weniger häufig vor und diese war grundsätzlich weniger gewalttätig. Die Städte waren kleiner, man kannte sich eher, Slums gab es nicht. Wohlfahrt bei der Subvention des Getreidepreises und Entschuldung bei den Solon’schen Reformen sorgten normalerweise für den sozialen Frieden. Berufsverbrecher und Banden kamen kaum vor und der normale Bürger wurde nur in Notzeiten bei Gelegenheit straffällig. Der arme Bürger war in Nachbarschaft, Familie und Gesellschaft gut eingebunden und fühlte sich nicht in Opposition zum reichen Bürger. In der Stadt waren die meisten Häuser aus weichen Steinen gemacht. Diebe machten sich oft keine Mühe, die Schlösser zu knacken, sondern benutzten gleich eine Spitzhacke um in das Wohnzimmer einzubrechen.

Für den Rollenspieler im Dungeon werden natürlich Schlösser wieder wichtig.

Antike Schlösser
Schlösser gibt es seit über 4000 Jahren. Türen wurden damals von innen mit Balken verriegelt. Jetzt stellte sich die Frage, was man machte, wenn man die Tür von außen schließen wollte. Das homerische Schloss ist die früheste Antwort auf das Problem. Ein Loch in der Tür musste her, durch dieses wurde von innen eine Schnur nach außen gesteckt, die mit dem Balken verbunden war. Von außen wurde die Tür zugezogen, die Schnur gezogen und der Balken schob sich an Halterungen entlang vor die Tür und verriegelte sie. Nun stellte sich das Problem, die Tür wieder zu öffnen. Auch hierfür enthielt die Tür ein kleines Loch. Durch dieses konnte man einen Haken hindurchstecken, der von der Länge und Form her so angefertigt war, dass er den Balken erreichen konnte. An diesem waren wiederum Zähne in die der Hakenschlüssel greifen konnte um den Balken zu verschieben.

Eine hervorragende Seite ist vom Schlosssammler Raine Borg. Das homerische Schloss und andere Schlösser werden hier schön dargestellt (oben, erstes Schloss) und hier mit den hakenförmigen Schiebeschlüsseln.

Eine Modifikation ist das ägyptische Schloss. Hier gibt es schon Zinken, die herunterfallen und den Riegel, der sich immer noch hinter der Tür befindet, einrasten lassen. Anders als beim homerischen Schloss müssen diese Zinken nun hochgeschoben werden, bevor der Riegel bewegt werden kann. Dafür ist im Riegel eine Aussparung, in die ein Schuhlöffelähnlicher Schlüssel eingeführt werden kann. Am Ende angelangt und nach oben gezogen, schiebt er die Zinken aus dem Riegel und entriegelt diesen, so dass er mit einer seitlichen Bewegung verschoben werden kann. Abbildungen gibt es hier und hier.

Ein moderneres Schloss ist das spartanische Balanos-Schloss, das es seit dem 5. Jhd. v. Chr. gibt. Es ist mit dem ägyptischen Schloss verwandt, allerdings wird der Schlüssel nicht in den Riegel eingeführt, sondern in das Schloss. Der Riegel geht ebenfalls durch das Schloss. Er besitzt eine Aussparung in die ein sperrendes Gewicht im Schloss hineinrutscht und den Riegel arretiert. Um den Riegel wieder freizugeben muss ein passender Schlüssel das Schloss eingeführt werden und das Gewicht im Inneren des Schlosses, welches auf dem Riegel liegt und dieses arretiert, emporheben.

Jetzt stellt sich noch die Frage, wie hat man Truhen abgeschlossen? Etwas eindeutiges habe ich noch nicht gefunden, aber die Wikinger die Techniken der Griechen und Römer übernommen. Eine Truhe ist erhalten geblieben, die nach dem gleichen bisher beschriebenen Prinzip funktioniert. Vorne in der Truhe ist ein Riegel enthalten. An dem Deckel vorne ist ein „Zahn“, der beim Schließen in den Bereich des Riegels eindringt. Der Riegel kann mit den beschriebenen Mechanismen verschoben werden, weil der Zahn eine Aussparung hat, wodurch der Riegeln passt. Eine Abbildung ist hier.

Nachdem der Abenteurer also diverse Schlösser geöffnet oder zerstört hat und mit Reichtum beladen in die nächste Polis zurückkehrt, geht es nun ans Verprassen und Leveln.

Feiern in der Antike
In meinem Rollenspiel leveln die Spieler durch Silber. Ein Mindestwert ist notwendig aber generell sind sie nach treuer Sword-&-Sorcery-Manier nach jedem Leveln wieder blank und auch ein wenig berühmter in der Stadt.

Zum Feiern in der Antike gibt es unzählige Gelegenheiten. Geld schafft Freunde und wer Freunde hat, wird von diesen zu Symposien eingeladen. Der Gastgeber und Unterhalter lädt bis zu 30 Gäste, sogenannte Sympotes in der neunten Stunde zum Symposion ein. Jedes Haus verfügt dafür über einen speziellen Raum am inneren Hof, den Andron, den „Herrenraum“. (Im oberen Geschoss befinden sich die Frauengemächer, die Gynaikonitis. Sie als Fremder zu betreten käme einen großen Affront gleich!) Hier befinden sich an den der Tür abgewandten Wänden bis zu neun Klinen, Liegesofas, die für das Symposium unerlässlich sind, unter den Klinen sind schon einmal vorsorglich spezielle Abort-Krüge aufgestellt, in die sich dann entleert werden durfte. Das Symposium hatte einen rituellen Charakter. So werden regelmäßig Trankofter für die Götter oder Verstorbene dargebracht. Der „König des Bankets“, der Symposiarch leitet es und bestimmt wie stark der Wein ist. Nach einigen Riten erging man sich in geistreichen Unterhaltungen, Reden und Spielen. Hetären und Flötenmädchen unterhielten die Anwesenden. Es wurde erwartet, dass man ohne Begleitung nach Hause finden könnte (was natürlich viel bedeuten kann gerade für einen Abenteurer). Das höchste der Gefühle wäre natürlich ein Symposion am Hofe eines Diadochen.

Aber natürlich gibt es auch sonst viele Gelegenheiten. Religiöse Feste finden regelmäßig statt, gerade die bacchischen Feste zu ehren des Dionysos, dem Gott des Weines, waren berüchtigt. Auch hier bieten sich nicht nur Möglichkeiten des Exzesses, sondern auch für die Charaktere die Möglichkeit, ihr Geld zu investieren und als Metöke, als Fremder in der Stadt etwas zu diesem religiösen Fest beizutragen. Auch sportliche Spiele am hiesigen Gymnasion haben Festcharakter und mit Wetteinsätzen kann hier viel Geld gewonnen und verprasst werden. Ebenfalls können bei Triumphen oder Spenden aus den Diadochenreichen ins griechische Kernland öffentliche Feste abgehalten werden. Bei solchen Gelegenheiten nahm die ganze Stadtbevölkerung am Spiel statt und es konnten pro Tag mehrere Tausend Drachmen kosten. Meine Tabelle des Zechens zeigt ja so ein bisschen auf, wohin es gehen kann.

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4 Antworten to “Rollenspiel in der Antike”

  1. danke Seanchui!
    Ein paar Nachträge die mir zugetragen wurden:

    – Piraterie mit den Triremen der Polis war auch eine Möglichkeit, um an Reichtum zu kommen.
    – Landbesitz war die ehrenwerteste Form von Reichtum und normalerweise die Bedingung für das Bürgerrecht
    – die olympischen, isthmischen, pythischen und panathenäischen Spiele waren noch einmal besonders wichtig für alle Griechen. Perfekt zum Leveln, vielleicht sogar wenn man da als Athlet auftritt?

  2. wirklich schöner Artikel. Ich arbeite grade an einem Szenario rund um eine römische „Villa Rustica“, da kommen mir insbesondere die Abschnitte rund um die Sklaverei in der Antike sehr gelegen!

  3. Edit: Ich wollte demnächst mal einige antike Alternativen zum beliebten brennenden Öl posten. Hast du ein Wunschthema? So langsam gehen mir die Ideen zum Recherchieren aus, dann muss ich wieder Dungeons machen ;)

  4. Interessant. :-)
    Mehr davon!

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